Nähen – wie fing das eigentlich bei mir an?

Ich habe schon als Kind sehr viel ferngesehen und auf diese Weise  hatte ich als kleines türkisches Mädchen Zugang zu Welten, die mich faszinierten. Ich hatte das Gefühl, da gibt es eine Fernseh-Welt, wo die Menschen reden, verhalten und sich anziehen, wie sie möchten. Ich hatte damals schon das Gefühl, dass das in meiner Welt nicht so möglich war. Ich bin das jüngste Kind einer türkischen Gastarbeiterfamilie aufgewachsen und hatte als Kind Schwierigkeiten in beiden Gruppen vollständig da zu sein. Ich nahm wahr, dass sich diese Welten, sich an manchen Stellen berührten, aber sich selten miteinander vermischten und ich auch in der einen Welt anders war als in der anderen. 

Ich merkte relativ schnell, dass wir anders lebten, anders aussahen, anders in den Urlaub fuhren, sich alle anders anzogen. Ich unterschied mich deutlich von anderen und das wurde mir auch immer wieder bewusst gemacht. Ich erlebte, dass meine Mitschüler ständig die neuste Kleidung leisten konnten, woraus bei uns wenig wert gelegt wurde. Wir hatten das, was wir brauchten, das war’s. Ich entwickelte eine große Sehnsucht danach, auch mal für das, was ich trug angesprochen und bewundert zu werden. Ehrlich gesagt kam mir diese Vorstellung unerreichbar vor und ich dachte oft, dass ich das Glück nicht hatte in eine wohlhabende Gesellschaft geboren zu werden. Aber ich war mir nicht sicher, ob das jetzt für mich auch gilt oder eben nicht. Wie verrückt sich das anhört, wenn ich das hier schreibe.

Also habe ich mir früh Gedanken darüber gemacht, wie ich angezogen bin im Gegensatz zu meinen Mitmenschen und auch im Gegensatz zu den Menschen im Fernsehen. Ich wollte so sein wie die Menschen im Fernsehen. Ich hatte das Gefühl, dass sie alles haben und alles sein dürfen, was ich nicht sein durfte oder konnte. Also fing ich als kleines Mädchen schon an, alles von  Stars in schönen Kleidern zu sammeln und sie mir immer wieder anzuschauen. Auf eine Art und Weise habe ich nicht wirklich verstanden, was ich tat. Heute Jahre später, gebe ich zu, dass ich das immer noch mache und mich von ihnen inspirieren lasse und mir überlege, wie man die Bekleidungsstücke schnitttechnisch umsetzen kann. Da wird mir richtig warm ums Herz- wie sehr ich schon mit meinem Beruf verbunden war, obwohl ich es damals nicht wusste. Naja, ich dachte mir, wenn ich in der Lage bin, schöne Dinge zu nähen, kann ich mir alles selbst machen und muss mir nicht überlegen wo ich das Geld herbekomme, um mir alles kaufen zu müssen. So schwer kann das nicht sein- dachte ich mir.

Die berufliche Entwicklung war für mich gefühlt aber sehr weit weg, ich ging ja erst in die Schule und hatte damals auch keine Ahnung, dass es Menschen gibt, die den ganzen Tag nichts anderes tun als die Bekleidung von anderen Menschen zu nähen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was es heißt ein Teil selbst zu nähen und das wirklich richtig gut zu können.

Nähen stellte für mich eigentlich eher so etwas wie eine Notwenigkeit dar. Meine Mama nähte für uns aus alten Bettbezügen hin und wieder Pyjamas, um das Material sinnvoll wiederzuverwenden, was heute Upcycling genannt wird. 

Als Kind wollte ich immer eine Kinder-Nähmaschine haben, die ich nie bekommen habe, weil ich die Kleider für meine Barbiepuppen selbst nähen wollte. Ich habe die Nähmaschine leider nie bekommen, aber für meine Barbiepuppen habe ich dann einfach etwas gehäkelt oder gestrickt, ich habe einfach nach anderes Möglichkeiten gesucht, die da waren.

Ich hatte einen sehr großen Wunsch, einfach  ich selbst sein zu können, gerade wenn alle um einen herum einem sagen möchten in wie vielen Dingen man sich von den anderen unterscheidet. 

Meine ersten Näh-Versuche startete ich mit einer gefütterten Weste aus dem Brigitte Sonderheft, die man beim Zeitschriften-Händler bekam. Ich habe erst viel später- leider nach dem Zuschnitt- gemerkt, dass ich die Weste nicht nähen konnte, weil sie viel zu schwierig für mich war und ich die Nähanleitung nicht verstanden habe. Wenn ich ehrlich bin habe ich gar nichts verstanden. Ich habe alles einfach irgendwie versucht umzusetzen, aber ich war total frustriert und genervt.

So machte ich meine ersten Näh-Erfahrungen mit einem Projekt aus dem Brigitte Sonderheft, mit der Nähmaschine und Stoffresten unserer Nachbarin, das nie beendet wurde und ich so unzufrieden war und nicht begriff, warum die das Nähen so schwierig war, wo doch die Hefte für jeden zugänglich am Kiosk verkauft wurden. 

Mit lauter Fragezeichen im Kopf und total frustriert, fragte ich mich, ob die Nähanleitung wirklich in der deutschen Sprache geschrieben wurde, die alle verstehen- nur ich nicht wegen meiner türkischen Herkunft.

Aber ich hatte Blut geleckt und nahm die Herausforderung an, das Nähen zu lernen und zwar nicht nur eine Weste, sondern alles. Ich wollte es genau wissen.

Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir, was ich nach meinem Abitur machen möchte. Ich wollte eine Schneiderlehre machen – nichts anderes. Ich wollte alles, was es darüber zu wissen gibt wisse und für jedes Problem eine Lösung haben.

 

 

Bildquelle: Canva & Ayse Westdickenberg