Schnittdirectrice – wie kreativ ist der Job?

Kreativ in der Bekleidungsbranche- ist das möglich?

Egal, wem ich über meinen Beruf als Schnittdirectrice erzählt habe, ich wurde immer bewundert und bestaunt. Die meisten Menschen, die nicht in der Bekleidungsbranche arbeiten, glauben, dass die Jobs über alle Maßen kreativ sein müssen und an ständig von schönen und wunderbaren Kleidern umgeben ist.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Aufgaben einer Schnittdirectrice sind begrenzt kreativ angelegt, den Mode-Designern geht es übrigens nicht anders. Die Erstellung der monatlichen Kollektionen folgen einem straffen und durchkalkulierten Produktionsplan, für Kreativität ist das kein Platz. Also lässt man nicht der Fantasie freien Lauf, sondern legt genau fest, welche Modelle der Bekleidungen mit bestimmten Farben und Formen produziert werden müssen, um Umsatz zu generieren. 

Die Abverkaufszahlen vergangener Kollektionen bestimmen meist was im Folgejahr erneut in die Kollektion aufgenommen wird oder eben nicht. 

Ihr könnt ja mal eine eurer Lieblingsbekleidungsmarken über einige Monate beobachten und schauen, ob ihr wiederkehrende Modelle oder Formen erkennt, die entweder genauso sind wie vor einiger Zeit, also Evergreens oder minimal abgeändert, wie zum Beispiel eine andere Tasche oder Länge oder ein anderes Detail.

Eine Schnittdirectrice oder auch Schnitttechnikerin ist grundsätzlich erst mal eine Person, die Grundschnitte für verschiedene Produktgruppen wie zum Beispiel Jacken, Kleider, Blusen, Hosen, Röcke etc. erstellen kann und daraus auch verschiedene Modellschnitte entwickeln kann. In seltenen Fällen muss eine Schnittdirectrice, die in einer Firma angestellt ist, komplett neue Grundschnitte erstellen, manchmal kommen neue Grundtypen für bestimmte Produktgruppen hinzu. Das könnte bei Hosen zum Beispiel sein, dass neue Jeansformen dazukommen wie beispielsweise die Boyfriend-Jeans, eine Culotte oder ähnliches. Meiner Erfahrung nach haben wir aber immer auch dort einen bereits bestehenden Grundschnitt als Basis für eine neue Hosen-Grundform verwendet.

Die ersten Schnittmuster einer Kollektion für Modelle werde auch Erst-Schnittmuster genannt. Diese erstellt die Schnittdirectrice nach einer Skizzenübergabe des Designer an die Schnittdirectrice. In dieser Besprechung werden alle Details (Taschen, Kragen, Länge etc.) und Grund-Formen der Modelle besprochen, sodass die Schnittdirectrice genau das umsetzt, was der Designer sich im Rahmen des Kollektionsplans mit Vorgesetzten ausgedacht hat. In großen Firmen entstehen bei denen, die noch eine interne Schnittabteilung haben, die Modellschnitte für bestimmte Produktgruppen im Haus, sodass die Schnitte für die Proto-Typen entweder in der eigenen Musternäherei genäht werden (heute äußerst selten) oder ins Ausland verschickt werden, um dort erste Muster anfertigen zu lassen. 

Wenn die Prototypen zurück im Haus sind, besteht die Aufgabe der Schnittdirectrice darin, die Prototypen auszumessen, um die Maßgenauigkeit der Bekleidung einschätzen zu können. Danach findet eine Anprobe mit dem Designer oder der gesamten Abteilung statt, um die Modelle anzusehen und Änderungen zu besprechen. Diese werden notiert und am Modellschnitt verändert, sodass der Produzent des Prototyps einen geänderten Schnitt für die Verkaufsmuster der Kollektion bekommt. Erst nach dem Verkaufen der gesamten Kollektion über den Vertrieb, wird entschieden, welche Kollektionsteile in der Kollektion verbleiben und welche storniert werden, damit wird die Kollektion nochmal kleiner. Und wenn die Kollektion in Produktion geht, d.h. sie in mehreren Größen produziert und verkauft werden soll, muss der Modellschnitt gradiert werden, d.h. er wird in einer bestimmten Größenabfolge (das richtig sich nach der Firma) gestuft, damit auch Damen mit verschiedenen Größen in die Bekleidung reinpassen können.

Während der Produktionsphase werden dann natürlich auch die Modelle in verschiedenen Größen angefordert und freigegeben.

Ja, die Arbeit ist grundsätzlich sehr technisch und die Schnittdirectrice ist im Wesentlichen nicht kreativ beim Erstellen von besonders aufwendigen oder anspruchsvollen Modellschnitten wie man das in hochpreisigen Haute Couture-Häusern kennt, wo sehr viel Schnittarbeit auch durch das Modellieren an der Puppe oder am Körper direkt passiert. 

Meiner Erfahrung nach sind alle Mitarbeiter, die an der Umsetzung eines Kollektionsplanes arbeiten wenig kreativ, weil es einfach sehr viele finanzielle Vorgaben und Richtlinien für die Umsetzung und Einhaltung der Produktionspläne gibt. das ist natürlich sehr schade, da aus diesem Grund einfach auch die Art der Bekleidung sehr langweilig oder uniform erscheint, d.h. es gibt wenig Variation unter dem Bekleidungsmarken, weil sich auch niemand mehr traut kreativ zu sein, weil ich das Gefühl habe, dass Kreativität immer mit hohen Kosten gleichgesetzt wird.

Wenig kreativ ist auch das Gradieren von Schnitten – also nicht nur manuell, sondern auch mit einem CAD-System, es ist sehr technisch und man muss ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen haben. Aber in vielen Firmen werden die Aufgabenbereiche von Directricen und Gradierern geteilt, damit man einfach nicht zu viele verschiedene Aufgaben bewältigen muss.

Schnittdirectricen können auch als Bekleidungstechniker arbeiten, wo sie zum Beispiel Bekleidung beurteilen und anprobieren, für die gar kein Schnitt in der eigenen Firma erstellt wurde. Bekleidungstechniker arbeiten im Grunde genauso wie die Schnittdirectricen nur, dass sie bei der Beurteilung eines Bekleidungsstückes in der Anprobe kein neue Schnittmuster erstellen oder abändern.

Schnittdirectricen spielen im Handwerk eine ganz andere Rolle. Dort wird ein Schnittmuster häufig manuell individuell auf die Maße der Kunden angefertigt und das Bekleidungsstück zur  Anprobe angefertigt und mehrmals anprobiert bis das Schnittmuster optimal angepasst ist und dann wird das Bekleidungsstück aus dem Original-Stoff nach dem vielfach geänderten Schnittmuster genäht. In dieser Variante näht die Schnittdirectrice als Meisterin vielleicht noch selbst und lässt sich durch die Gesellen und Lehrlinge zuarbeiten.

Ich denke, die kreativsten Schnittdirectricen arbeiten womöglich am Theater oder beim Film, wo sie viel mehr künstlerische Freiheiten haben und im Rahmen einer Produktion auch neue Kostüme zum Thema anfertigen können. Dadurch dass der Wert der Bekleidung durch das Produzieren im Ausland auch so gesunken ist, ist es viel einfacher Bekleidung heutzutage schneller, billiger und in einem schlechteren Zustand herzustellen als noch vor Jahrzehnten.

Der Grund warum ich in der Modebranche arbeiten wollte, war meine Sehnsucht nach Kreativität. Ich habe große Freude am Umsetzen von Ideen, nach wie vor.

 

Hier kannst du weiterlesen wie ich zu meiner Schneiderlehre oder wie ich zu meiner Fortbildung kam.

Meine Gesellenjahre hier zum Nachlesen. Und hier kannst du lesen wie alles mit dem Nähen anfing.

 

 

Bildquelle: Canva & Ayse Westdickenberg